Kindererziehung damals und heute – Ein Interview mit der Erziehungswissenschaftlerin Ingrid Buschmann

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Ingrid Buschmann ist Erziehungswissenschaftlerin, Autorin und mehrfache Großmutter. Sie sagt, dass Kinder liebevolle und einfühlsame Eltern brauchen, die ihnen die Sicherheit geben, ihre natürliche Neugierde und Lernbereitschaft zu entfalten. Wir haben sie dazu befragt, wie sie den Wandel in den Erziehungs- und Fördermethoden erlebt hat.

Frau Buschmann, wie alt waren sie als Sie ihr erstes Kind bekamen? Wie alt als Sie das erste Mal Großmutter wurden?

Ingrid Buschmann: Ich bekam mein erstes Kind mit 27 Jahren – und galt als „alte Erstgebärende“, mit 61 Jahren wurde ich erstmals Großmutter.

Wie war bei Ihnen und ihrem Mann in der Familie die Rollenverteilung?

IB: Mein Mann war berufstätig, ich kümmerte mich um den Haushalt und die Kinder.

„Unsere Kinder durften frei ihre Umgebung erkunden und sich in vielen Bereichen selbst erproben.“

Was waren Ihre Ideale? Wozu sollten Ihre Kinder erzogen werden?

IB: Wir haben unseren Kindern viele unterschiedliche Anregungen geboten, sie durften frei ihre Umgebung erkunden und sich in vielen Bereichen selbst erproben, damit sie ihre angeborenen Talente selbst entdecken und möglichst optimal entwickeln konnten.

Haben Sie sich irgendwo zur Kindererziehung informiert, oder geschah sie intuitiv?

IB: Mein Mann und ich konnten beide nicht gleich nach dem Abitur studieren, ich konnte erst, nachdem mein drittes Kind „flügge“ war, Erziehungswissenschaften studieren und noch einige Jahre an der Universität wissenschaftlich arbeiten. Diese Umwege wollten wir unseren Kindern ersparen. In ihrer Erziehung haben wir das getan, was 90% aller Eltern auch heute noch tun, und uns am Erziehungsverhalten der eigenen Eltern orientiert – allerdings mit kritischer Distanz.

„Würden Kinder für ihre Eigenständigkeit und ihren Fleiß von ihren Eltern gelobt, wäre das sehr motivierend.“

Wenn Sie zurückblicken, was würden Sie aus heutiger Perspektive anders machen, was genauso?

IB: Ich würde vor allem dem Aspekt der Motivation mehr Aufmerksamkeit schenken. Als Elternsprecherin während der Schulzeit meiner Kinder ist mir aufgefallen, wie stolz Eltern auf die tatsächliche oder angebliche hohe Begabung ihrer Kinder waren. Typische Aussagen: „Mein Kind muss sich in der Schule gar nicht anstrengen, es fällt ihm alles nur so in den Schoß.“ Muss sich also ein fleißiges Kind vor seinen Eltern schämen? Niemals habe ich etwa Folgendes vernommen: „Ich bin stolz auf mein Kind, weil es sich schon selbst steuern kann und in der Schule das tut, was notwendig ist.“ Würden Kinder für ihre Eigenständigkeit und ihren Fleiß von ihren Eltern gelobt, wäre das sehr motivierend.

Wie haben Sie damals Institutionen wie Kindergarten und Schule wahrgenommen?

IB: Im Kindergarten ging es damals eher darum, soziale Fertigkeiten zu erwerben, also eher etwas für berufstätige Eltern oder Familien mit nur einem Kind. In der Schule standen viele Kinder schon bald unter Druck, weil manche Eltern sicherstellen wollten, dass ihr Kind nach der vierten Klasse ins Gymnasium gehen konnte.

„Heute werden Väter und Mütter im Beruf sehr stark beansprucht. Ich bewundere, wie sie sich gleichzeitig sehr liebevoll und engagiert ihren Kindern zuwenden.“

Wenn Sie Kindergarten und Schule damals mit heute vergleichen, was sind für sie die größten Unterschiede? Was scheint konstant geblieben zu sein?

IB: Im Kindergarten hat sich viel verändert, von der Kinderbewahranstalt hin zu einer professionellen Vorbereitung auf die Schulzeit. Die Forschungsarbeiten der Psychologen, der Erziehungswissenschaftler und nicht zuletzt der Neurobiologen weisen übereinstimmend darauf hin, dass eine sinnvolle Frühförderung notwendig ist, um späteren Entwicklungsstörungen entgegen zu wirken. Entwicklungsdefizite, sprachliche Schwierigkeiten werden daher heute in den Kindergärten auf spielerische Weise ausgeglichen, um möglichst allen Kindern einen erfreulichen Schulstart zu ermöglichen. In der Schule hat sich vergleichsweise wenig geändert, die Lehrpläne vor 50 Jahren sind fast ident. Einseitig hochbegabte Schülerinnen und Schüler können noch immer früh in der Schule scheitern. Ein kleiner Mozart hätte es schwer in unserer Schule.

Wie erleben Sie ihre eigenen Kinder als Eltern?

IB: Ich sehe vor allem, dass Väter und Mütter heute im Beruf sehr stark beansprucht werden und bewundere, wie sie sich gleichzeitig doch sehr liebevoll und engagiert ihren Kindern zuwenden.

„Meine Kinder sind erwachsen, ich gebe nur dann Ratschläge, wenn sie mich fragen.“

Sprechen Sie und Ihre Kinder hin und wieder über Kindererziehung? Gibt es dabei bestimmte Themen, die regelmäßig besprochen werden?

IB: Meine Kinder sind erwachsen, ich gebe nur dann Ratschläge, wenn sie mich fragen. Bei solchen Fragen geht es dann meistens um Schulprobleme und um die ersten kleinen „Machtspielchen“ der Allerjüngsten.

Sie sagen, Kinder brauchen liebevolle und einfühlsame Eltern, um ihre natürliche Lernbereitschaft und Neugierde zu entfalten. Wie war dies, als sie selber zur Schule gingen?

IB: Als ich 1945 – also gleich nach dem Krieg – eingeschult wurde, erkannten die Eltern, wie schnell nach den Bombenangriffen und der Geldentwertung ein materieller Wohlstand verloren werden konnte, und dass nur derjenige bald wieder ein wenig Wohlstand erwerben konnte, der etwas gelernt hatte. Mehr oder weniger alle Eltern waren daher bemüht, ihren Kindern eine möglichst umfangreiche Ausbildung zu ermöglichen. Unsere Eltern mussten uns in der Schulzeit gar nicht antreiben, wir wollten selber etwas lernen, weil wir erkannten, dass man nur so ein schönes und angenehmes Leben würde führen können. Es gab auch einen Ruck in der Gesellschaft: Viele Bildungsreformen wurden auf den Weg gebracht. Unter anderem wurde der Widerstand gegen die Mädchenbildung schnell aufgegeben. Frauen hatten in den Kriegsjahren viele Aufgaben übernommen, die ansonsten den Männern vorbehalten waren und gezeigt, dass sie mehr konnten, als handarbeiten und kochen. Der Zugang zu den Gymnasien war durch strenge Aufnahmeprüfungen erschwert, gleichwohl saß ich mit 50 Kindern in einer Klasse. Der Bildung des Nachwuchses wurde von der Gesellschaft höchste Aufmerksamkeit geschenkt.

„Viele Eltern wollen vor allem stolz auf ihre Kinder sein.“

Und wie haben Sie die Schulzeit mit ihrer Kindern und ihrer Enkelkinder erlebt? Was hat sich in den Jahren verändert?

IB: Als meine Kinder in die Schule kamen, hatte sich viel geändert. Wir konnten mehr oder weniger sorgenfrei leben, unsere Kinder hatten den Krieg nicht selber erlebt und er war daher für sie wenig bedeutsam. Sie bemühten sich um gute Noten, weil wir mit viel Lob, Aufmerksamkeit und Anerkennung auf die größeren und kleineren Erfolge reagiert haben. Das Motiv für die meisten Eltern, warum die Kinder einen möglichst hohen Bildungsgrad erreichen sollten, hatte sich geändert. Bei vielen Gesprächen mit den Eltern wurde deutlich, dass sie vor allem stolz auf ihre Kinder sein wollten. Die Kinder lernten also vor allem deswegen, weil sie ihren Eltern gefallen wollten, oder weil sie sich vor möglichen Strafen gefürchtet haben. Manchmal wurde auch erheblicher Druck auf die Kinder ausgeübt. Private Nachhilfe boomte, nicht nur um den Kindern in den Ferien zu helfen, eine sogenannte Nachprüfung zu bestehen, damit sie in die nächste Klasse aufsteigen konnten, sondern auch bei Kindern, bei denen nur eine gute Note zu einer noch besseren werden sollte. Begabte Kinder aus bildungsfernen Schichten konnten sich das nicht leisten und hatten so geringere Chancen auf eine höhere Schulbildung. Als meine Enkelkinder eingeschult wurden, waren Mütter und Väter in aller Regel höchst engagiert berufstätig, sie waren stolz auf ihre eigenen beruflichen Erfolge, aber gleichzeitig sehr um ihre Kinder bemüht. Die Kinder wurden daher schon sehr früh in Krabbelstuben und Kindergärten betreut, sodass Kinder aus benachteiligten Schichten mehr Chancen in der Schule hatten.

„Kinder müssen täglich spüren, dass die Eltern sie lieben. Es nützt nichts, wenn man es ihnen nur sagt.“

Wenn man sie um Ihren wichtigsten Ratschlag zur Kindererziehung bitten würde, welcher wäre das?

IB: Kinder müssen täglich spüren, dass die Eltern sie lieben und es gut mit ihnen meinen, es nützt nichts, wenn man es ihnen nur sagt.
Die angeborene Lernfreude unserer Kinder sollte man aufrechterhalten, denn wenn Kinder lernen wollen, gibt es weniger Ärger zu Hause und in der Schule.

 

Das aktuelle Buch von Ingrid Buschmann Prachtexemplar oder Nervensäge – Die ersten Jahre entscheiden! erschien 2015 im Ueberreuter Sachbuch Verlag.

 

 

Titelfoto: Ingrid Buschmann, privat

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