Wie Babys nachts gut schlafen – Ein Interview mit dem Bindungsforscher Karl Heinz Brisch

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Dies ist der zweite Teil unseres Interviews mit Prof. Dr. med. Karl Heinz Brisch, der einer der wichtigsten Forscher zur Eltern-Kind-Bindung ist. Er hat unter anderem den weltweit ersten Lehrstuhl für Early Life Care inne und leitet das gleichnamige Forschungsinstitut an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg. Zudem hat er zahlreiche Bücher veröffentlicht. Wir haben uns mit ihm in München getroffen, um ihn nach dem Schlafverhalten von Kindern zu befragen und danach, in welcher Schlafumgebung Eltern und Kinder die Nacht am besten zum Schlafen und Erholen nutzen können. Den ersten Teil des Interviews dazu, wie Kinder zu selbstsicheren und selbstbewussten Menschen werden, gibt es hier zu lesen.

Eine häufige Frage, die junge Eltern gestellt bekommen, ist, ob ihr Baby bereits durchschlafen kann. Ab wann sind Babys in der Lage, nachts durchzuschlafen?

Karl Heinz Brisch: Kinder schlafen ganz lange nicht durch. Das ist wissenschaftlich gut untersucht. Babys wachen im ersten Lebensjahr im Durchschnitt nachts sechs bis sieben Mal auf. Dies hat viele Gründe: weil sie Hunger haben, weil sie schon anfangen, die Erlebnisse des Tages in ihrem Träumen zu verarbeiten, weil die Verdauung sie plagt, etc. Deswegen ist die Botschaft an Eltern ganz wichtig: Babys schlafen nicht durch. Das ist die Norm. Es gibt ganz wenige Babys, die wach werden, mit geschlossenen Augen im Bett liegen und dann wieder einschlafen, ohne dass die Eltern merken, dass sie wach waren. Im Schlaflabor sieht man aber an den Hirnstromkurven eindeutig, dass diese Babys wach sind. Die Eltern denken aber morgens, ihr Kind habe die ganze Nacht durchgeschlafen. Diese Babys sind aber absolut die Ausnahme. Manche Babys wachen auch auf, machen ein paar Geräusche und schlafen dann wieder ein. Die allermeisten Babys jedoch wachen auf, sehen dass es dunkel ist, spüren die Eltern nicht in ihrer Nähe und haben Angst. Deswegen weinen sie und rufen nach den Eltern. Das ist evolutionär gesehen ganz wichtig und sehr normal.

„Babys schlafen nicht durch. Das ist die Norm.“

Wie sieht die ideale Schlafumgebung für das Baby aus, damit die ganze Familie morgens ausgeschlafen ist?

KHB: Weltweit schlafen 85-90% der Babys in engem Kontakt zu den Eltern. Wenn sie wach werden, spüren sie die Nähe der Eltern, werden möglicherweise gestillt und schlafen dann wieder ein. Die Mutter merkt das kaum und kann morgens gar nicht sagen, wie oft sie nachts gestillt hat. Wenn die Mutter nachts allerdings aufstehen, möglicherweise ins andere Zimmer gehen und das Baby hochnehmen muss, um es dann zu stillen und wieder in sein Bettchen zu legen, dann ist sie danach müde und wach. Wenn Mütter das drei bis vier Mal in der Nacht machen, erschöpft sie das.

Eine ideale Schlafumgebung, damit alle morgens ausgeschlafen sind, bedeutet also eher, dass das Baby dicht bei den Eltern schläft, beispielsweise direkt im Elternbett oder in einem Babybay. Dadurch muss die Mutter nachts nicht aufstehen, sondern kann ihr Baby liegend einfach kurz zu sich rüber ziehen, es stillen und dann wieder zurück schieben. Wenn das Baby wach wird, kann die Mutter – oder der Vater – ganz einfach die Hand leicht drauf legen, das Baby leicht schaukeln und beruhigen. Dadurch spürt, riecht und hört das Baby die Eltern und schläft komplett anders, als wenn es alleine in einem Raum läge.

In den Ländern der Welt, wo Babys in direktem Kontakt zu ihren Eltern schlafen, kennt man Schlafstörungen bei Babys nicht. Schlafstörungen bei Babys sind wahrscheinlich ein kulturgemachtes Problem.

„Eine ideale Schlafumgebung, damit alle morgens ausgeschlafen sind, bedeutet, dass das Baby dicht bei den Eltern schläft, beispielsweise direkt im Elternbett oder in einem Babybay.“

Ab wann können Kinder nachts alleine in ihrem Bett durchschlafen?

KHB: Kinder schlafen in der Regel erst im späten Kindergartenalter durch.

Wenn Kinder zwei oder drei Jahre alt sind, gibt es oft den Nachtschreck. Darin verarbeiten und verdauen Kinder die Erlebnisse des Alltags. In dieser Zeit träumen Kinder sehr intensiv und wachen auch immer wieder durch Albträume auf. Und der sicherste Ort bei Albträumen ist natürlich eng bei den Eltern im Bett.

Kinder, die schon selbst aus dem Bett aussteigen können, kommen dann nachts zu den Eltern ins Bett. Aus Studien wissen wir, dass die allermeisten Kleinkinder in Deutschland nachts nicht alleine in ihrem Bett schlafen, sondern irgendwann im Laufe der Nacht in das Bett der Eltern wandern. Nur wird dies nicht so gerne erzählt, da es bei uns die Vorstellung gibt, dass Kinder nachts alleine in ihrem Bett schlafen sollen.

„Aus Studien wissen wir, dass die allermeisten Kleinkinder in Deutschland nachts nicht alleine in ihrem Bett schlafen, sondern irgendwann im Laufe der Nacht in das Bett der Eltern wandern.“

Wenn man als Eltern das Schlafzimmer wieder für sich alleine haben möchte, ab wann ist ein guter Zeitpunkt, um sein Kind daran zu gewöhnen, in einem eigenen Zimmer zu schlafen?

KHB: Wichtig ist, dass Eltern sich damit wohl fühlen, dass ihr Kind mit in ihrem Schlafzimmer schläft. Wenn Eltern sich eigentlich dadurch gestört fühlen, dann spürt dies ihr Kind natürlich auch. Sobald Eltern sich nicht mehr wohl damit fühlen, ist es in Ordnung, wenn ihr Kind in einem eigenen Zimmer schläft. Dies kann z. B. im 2. Lebensjahr sein. Für das erste Lebensjahr wird empfohlen, dass das Baby zumindest gemeinsam im gleichen Raum mit den Eltern schlafen soll. Unter diesen Bedingungen wurde weniger häufig ein plötzlicher Kindstod des Säuglings beobachtet, als wenn das Baby schon im ersten Lebensjahr alleine in einem eigenen Zimmer schlief.

Dringend abzuraten ist davon, sein Baby durch ein Verhaltenstraining an das Schlafen in einem eigenen Raum zu gewöhnen. Bei diesen Schlafprogrammen lässt man das Baby beispielsweise am ersten Abend fünf Minuten, am zweiten zehn Minuten, am dritten fünfzehn und so weiter alleine in seinem Bett liegen, bevor man den Raum wieder betrifft. Auch wenn es weint, geht man vor Ablauf dieser Zeit nicht wieder hinein. Babys sind sehr klug und lernen schnell, dass niemand kommt, auch wenn sie rufen. Diese Methode beruht auf einer Art Desensibilisierung der angeborenen Bedürfnisse des Kindes nach Bindung, Schutz und Sicherheit, besonders nachts. Die aus dem Dritten Reich stammende rigorose Einstellung, Kinder nachts weinen zu lassen, ist heute längst überholt. Kinder soll man niemals alleine weinen lassen, sondern sie immer unmittelbar und liebevoll trösten. Studien in mehreren Ländern haben gezeigt, dass die Kinder auf längere Sicht dann weniger weinen, wenn die Eltern in der Nacht prompt auf ihr Weinen reagieren und die Babys unmittelbar trösten.

„Die aus dem Dritten Reich stammende rigorose Einstellung, Kinder nachts weinen zu lassen, ist heute längst überholt. Studien in mehreren Ländern haben gezeigt, dass die Kinder auf längere Sicht dann weniger weinen, wenn die Eltern in der Nacht prompt auf ihr Weinen reagieren und die Babys unmittelbar trösten.“

Welches Vorgehen empfehlen Sie Familien, wenn der Umzug ins eigene Kinderzimmer ansteht?

KHB: Es gibt es eine bindungsorientiere Methode, sein Kind an das Schlafen und auch das selbstständige Einschlafen in einem eigenen Zimmer zu gewöhnen, die auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht und sehr gut funktioniert. Die Eltern bringen ihr Kleinkind in sein Bett und verlassen den Raum. Wichtig ist es, dass ein Elternteil jedes Mal, wenn es weint und ruf, sofort und zuverlässig wieder in den Raum kommt und es tröstet. Dies sollte in einer Nacht immer der gleiche Elternteil sein. Dann geht er wieder raus. So lernt das Kind, dass sein Bett ein sicherer Ort zum Schlafen ist und Mama oder Papa immer kommen, wenn es nach ihnen ruft.

Ist es normal, wenn Kinder zum Einschlafen weinen? Wie reagieren Eltern am besten da drauf?

KHB: Oft ist es normal, dass Kinder zum Einschlafen weinen. Wenn sie müde oder vielleicht schon übermüde sind, dann stehen sie oft noch unter Stress und sind von den vielen Erfahrungen und Eindrücken des Tages angespannt. Weinen bedeutet immer, dass die Stresstoleranzschwelle überschritten ist. Durch das Weinen baut man einen Teil seines Stresses ab. Das ist nicht nur bei Babys und Kindern so, sondern auch bei Erwachsenen. Wenn das Kind zum Einschlafen weint, ist es als Elternteil sehr normal, dabei zu sein, seine Hand zu halten und es zu trösten, auch, es auf den Arm zu nehmen, denn liebevoller Körperkontakt ist in der Regel der beste Tröster.

Wenn das Kind aber schon am Einschlafen ist, das Elternteil aus dem Zimmer raus gehen will und das Kind dann anfängt zu weinen, muss man wieder zu ihm gehen, es trösten und bei ihm bleiben, bis es sich beruhigt hat und so sicher in den Schlaf finden kann.

Wie Babys bindungsorientiert lernen, alleine in einem Raum zu schlafen und einzuschlafen beschreibt Prof. Dr. med. Karl Heinz Brisch in seinem Buch „SAFE – Sichere Ausbildung für Eltern“, das 2014 in der 7. Auflage im Klett-Cotta Verlag erschienen ist. Darin finden werdende und junge Eltern auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse Hilfestellungen zu vielen Situationen aus dem Alltag mit einem Baby. „SAFE –Sichere Ausbildung für Eltern“ kostet 14,95 Euro.

Titelfoto: Klett-Cotta Verlag

 

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